Worte aus der Quarantäne

Hier finden Sie (hoffentlich für jeden Tag neu) Worte und Gedanken von Pastorinnen und Pastoren der ELKI. In diesen Zeiten, in denen der Kontakt untereinander eingeschränkt oder fast abgebrochen ist, möchten wir damit versuchen, den Blick darauf zu lenken, was auch noch gilt: Wir sind nicht allein! Und da wo Menschen uns nicht mehr erreichen, vertrauen wir darauf, dass Gott es vermag.

Wir möchten mit diesen Worten und Gedanken ermutigen, stärken und vielleicht das Sichtfeld und die Gedankenwelt erweitern auf das, was allzuleicht zu verschwinden droht.

 

Donnerstag, 26.03.2020

Se non potete andare fuori, andare dentro. (nicht aus der Bibel, aber aus dem Leben)

Wenn du nicht hinausgehen kannst, gehe hinein, in dich.

 

Die Bibel kennt viele Geschichten und Situationen der räumlichen Beschränkung. Die Arche, in der Noah mit seiner Familie und den vielen Tieren während der Flut aushielt. Oder der Prophet Jona, der von einem Walfisch verschluckt wurde. Oder der Apostel Paulus, der mehrfach in seinem Leben seines Glaubens wegen im Gefängnis ausharren musste.

Eingesperrt, abgeschnitten vom Leben und allen Ablenkungen draußen, konzentriert auf sich selbst. Natürlich ist da zunächst das Gefühl: jetzt fehlt mir so vieles aus meinem bisherigen Alltag. Natürlich ist da auch die Angst und Unsicherheit: Was passiert jetzt mit mir und meinem Leben? Und sicher entwickelt sich zu den Gefühlen auch Protest: Ich will nicht eingesperrt sein! Das verstehen wir alle in diesen Wochen nur zu gut.

Aber: Wenn du nicht hinausgehen kannst, gehe hinein, in dich. Der Satz meint nicht: Schau mal, was hier drinnen in deiner Wohnung vielleicht aufzuräumen ist. Welches Regal müsste mal geordnet werden? Nein, in sich gehen, auf sich selbst schauen, meint mehr. Was ist eigentlich wirklich wichtig im Leben? Was möchte ich erreichen? Was fehlt mir?

Auf einmal tauchen Wünsche, Gedanken, Fragen an der Oberfläche auf, die sonst im Alltag keinen Platz haben. Jetzt wäre Zeit, sie einmal zu durchdenken. Und vielleicht höre ich in diesen Momenten auf einmal die Stimme Gottes, die mir was sagen möchte.

Ich bin sicher, auch wir kommen anders aus dieser Situation heraus, als wir hineingegangen sind.

Und das bereue ich nicht.

Carsten Gerdes

Mittwoch, 25.03.2020

Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht! Und ein Bildwerk spräche von seinen Bildern: Er versteht nichts! (Jesaja 29,16 Losung)

 Alle miteinander bekleidet euch mit Demut.

(1. Petrus 5,5 Lehrtext)

Ein Töpfer formte Tierfiguren für eine Schale aus Ton. Als er gerade ein Lamm geformt hatte, dachte er so bei sich, „nun sitze ich hier so einsam und allein in meiner Werkstatt, was habe ich nur aus meinem Leben gemacht?“ Da sprach das Lamm das er gerade geformt hatte zu ihm: „Wie sollte denn dein Leben aussehen?“ Überrascht über die Stimme des Lamms, das auf einmal sprechen konnte antwortete er: „Na vielleicht so wie das meines Nachbarn, dem Kaufmann, er ist reich und genießt Achtung und Ansehen im ganzen Ort.“ Ehe er sich versah, steckte er selbst in Kaufmannskleidung und stand in einem großen prächtigen Haus und diskutierte mit Händlern, Steuereintreibern und Advokaten. Ach, dachte er sich so, dieser Ärger, wenn ich doch auch so ein Beamter für Steuern im Reich wäre, ich hätte mein Einkommen ohne Sorgen. Und ehe er sich versah trug er die teure Kleidung eines Beamten, spürte aber den Ärger und die Anfeindungen der Leute. So wünschte er sich nichts sehnlicher, als ein großer Herrscher zu sein, für den andere arbeiteten und ihm den Ärger abnahmen. Noch bevor er diesen Traum zu Ende gedacht hatte, lag er in einem prachtvollen Palast, umgeben von vielen Soldaten und Beamten die ihn schützten. „Das ist ja wie im Gefängnis…“, dachte er so bei sich, „wenn ich doch wieder die alte Freiheit wie früher genießen könnte!“ Und nur wenige Augenblicke später saß er wieder an seiner Töpferscheibe in seiner Werkstatt, betrachtete das Lamm und freute sich an seinem Leben.

Wer sind wir und was haben wir aus unserem Leben gemacht? Die Tage der Einkehr helfen uns zum Innehalten und Nachdenken. Unser „Töpfer und Schöpfer“ hat unser Leben mit Gaben und Fähigkeiten reich beschenkt, doch was machen wir daraus und woran orientieren wir uns? Wir „bekleiden“ uns selten mit „Demut“ und Bescheidenheit. Wir wollen das Leben in vollen Zügen genießen und geben uns gerne als andere aus, die wir in unseren Herzen nicht sind und auch nicht sein müssen. Zurück zum Wesentlichen, zurück zum Eigentlichen, das wünsche ich uns in diesen Tagen,

Ihr Pfarrer Martin Krautwurst.

 

 

Samstag, 21.03.2020

Der Herr spricht: Ich will Frieden geben in eurem Lande, dass ihr schlaft und euch niemand schrecke. (3. Mose 26,6 Losung))

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. (Philipper 4,7 Lehrtext)

Der Frieden in unserem Land hat sich verändert. Die aktuellen Bilder und Zahlen erschrecken unser Gemüt. Unsere Herzen und Sinne ängstigen sich, ich spüre eine bedrückende Hilflosigkeit, wenn ich Bilder wie die in Bergamo im Fernsehen verfolge. Und doch gibt es eine Hoffnung und einen Frieden in diesen Tagen, an denen ich gerne festhalten möchte. Ich spüre eine große Solidarität mit den Gefährdeten in unserer Gesellschaft. Ich spüre eine große Dankbarkeit mit den Handelnden in diesen Tagen. Nicht der Gewinn und der Kommerz bestimmt in diesen Tagen unsere Gesellschaft, sondern die Fürsorge und die Nächstenliebe.

Mich erreichen unzählige Nachrichten der Dankbarkeit über empfangene Hilfe und Seelsorge. In der Evangelischen Gemeinde Meran hat sich ein Netz von Telefonaten über das ganze Gemeindegebiet gespannt, in denen man kommuniziert und organisiert. Mut machende Texte und Bilder gehen von Haus zu Haus. Ich habe das Gefühl, dass trotz der verordneten Distanz eine wunderbare und heilende Nähe entstanden ist. Menschen singen, beten und Tanzen zeitgleich. Kerzen leuchten in den Fenstern als Zeichen der Dankbarkeit, Lieder erklingen an geöffneten Fenstern und auf Balkonen. Wofür man früher vielleicht als „verrückt“ erklärt worden wäre, wird heute beklatscht und bejubelt. Frühlingsgefühle kommen in uns auf.

Wir feiern den Frühlingsanfang und es drängt uns nach draußen in die Natur zu gehen und die Spuren von Gottes Schöpfung zu spüren und einzuatmen. Der Blick aus dem Fenster verspricht uns bis jetzt zumindest eine gewisse Vorfreude auf „Gottes schöne bunte Welt“! Ich möchte Sie / Euch heute dazu einladen und ermutigen, den Blick auf diese unsere Welt zu Papier zu bringen. Egal ob Ihr gut malen könnt oder nicht, per Bleistift, Buntstifte oder Wasserfarben, bringt die Facetten dieser Tage auf Leinwand, Papier oder Karton und schickt mir diese Bilder für eine Ausstellung in unserer Christuskirche. Momente unseres Lebens, Zeichen des Für- und des Miteinanders, Begegnungen mit Gott und dieser Welt, ich danke Euch dafür, und… „Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! (Philipper 4,7)

Ihr / Euer Pfr. Martin Krautwurst  

Donnerstag 19.3.2020

Gott wandte sich Israel wieder zu um seines Bundes willen mit Abraham, Isaak und Jakob und wollte sie nicht verderben, verwarf sie auch nicht von seinem Angesicht bis auf diese Stunde.  

  1. Könige 13,23

Liebe Gemeinde,

diese Losung für den heutigen Tag habe ich gerade gelesen. Gott wendet sich dem Volk Israel wieder zu. Gott bewegt sich auf die Menschen zu. Gott sucht Nähe, Austausch mit ihnen.  Es tut gut an einen Gott zu glauben, dem Gemeinschaft wichtig ist. Nicht nur wichtig, sondern existentiell. Allein für sich, will und kann er nicht sein.

Vorher las ich in der Zeitung von Dienstag die Berichte darüber, dass an verschiedenen Orten der Umgebung Menschen sich auf Plätzen und in Parks getroffen hatten zum Reden, zum Boccia, zum Bewegen. Auch uns Menschen ist Gemeinschaft wichtig. Wir brauchen uns, den Kontakt, den Austausch miteinander. Davon abgeschnitten sein, ist schlimm und schwer zu ertragen. Im extremsten Fall ist Isolation eine Folter. Davon sind wir aber meilenweit entfernt.

Leider lese ich im Internet, dass die Regierung in Italien über eine noch strengere Limitierung der Öffnungszeiten und Bewegungsmöglichkeiten nachdenkt. Keine gute Nachricht an diesem Morgen.

Was heißt das nun? Nutzen Sie die Möglichkeiten des Kontaktes, die wir haben. Zum Glück gibt es Telefon, e-mail, What’s app, Internet. Ja, alles nur technische Möglichkeiten, die eine richtige Begegnung nicht ersetzen können. Aber dennoch helfen Sie uns, Kontakt zu anderen Menschen herzustellen. Es hilft uns, die Lage zu ertragen, wenn wir sie anderen mitteilen können und hören, was sie dazu sagen.

Öffnen Sie um 18.00 Uhr das Fenster und lauschen Sie auf das, was zu hören ist. Menschen versuchen einander zu erreichen, mit Musik und Glockentönen. Ein Zeichen der Zusammengehörigkeit.

Und probieren Sie mal, wenn Sie es nicht schon ohnehin tun, eine weitere Möglichkeit des Kontaktes: Innehalten und einen Gedanken, einen Satz an Gott senden. Gott lädt uns dazu ein.

Gott behüte Sie und Euch!

Ihr Pfarrer Carsten Gerdes