Andacht 07/2018

Liebe Gemeinde,

im Dom von Münster vor einigen Jahren, vor dem Kondolenzbuch für den Altbischof, der (dank Einliegerwohnung im Pfarrhaus nebenan) ein Jahr lang mein Nachbar gewesen war: Ich zückte das Losungsbüchlein und schrieb die Tageslosung und dann meinen Namen. Die katholische Pfarrsekretärin, die ich begleitete, meinte: Ihr habt es gut mit den Losungen, da habt ihr immer etwas, was passt.

Als ich jetzt hin und her überlegte, mit welchem Text für die letzte Gemeindebriefandacht ich mich von Ihnen verabschieden soll, wo immer noch nicht klar ist, wohin es ab dem 1. September gehen soll, da griff ich schlussendlich zum Losungsbüchlein und schaute unter dem 31. August, meinem letzten offiziellen Arbeitstag hier, nach. Die Tageslosung ist 1. Samuel 3,4:

Der HERR rief Samuel.

Er aber antwortete: Siehe, hier bin ich!

Es ist der Anfang der Berufungsgeschichte Samuels – und Samuel versteht es zunächst nicht, auch sein Lehrer Eli nicht. Er hält für menschlich, nämlich für Eli, was göttlich ist. Bei uns geht es nicht mehr um Prophetie wie beim Volk Israel, aber es geht auch oft um die Frage, was menschlich und was göttlich ist. Manchmal wünscht man sich, es gäbe solche Klarheiten wie in dieser Geschichte: Nachdem das Spiel sich dreimal wiederholt hat, schickt Eli Samuel zurück mit der Anweisung, das nächste Mal zu antworten: „Rede, denn dein Knecht hört.“ Es geht also nicht um pauschale Bereitschaft, sondern um die Bereitschaft Gott gegenüber. Was Gott fordern kann, das darf der Mensch sich nicht anmaßen – damit ist der Text auch zutiefst islamisch in dem Sinn, dass nur Gott den Menschen ganz beanspruchen darf. Das lohnt es sich doch immer wieder zu bedenken, gerade an den Scheidepunkten unseres Lebens.

Ihre Jutta Sperber