Andacht 03/2017

Ostererfahrungen

Wir sitzen gerade in der Bar, unser Kaffee steht vor uns, da klingelt bei meinem Gesprächspartner das Handy. Entschuldigend blickt er mich an, schaut auf den Bildschirm und liest halb laut die Nummer vor, die auf seinem Bildschirm erscheint. „Die Nummer kenne ich nicht“, sagt er und drückt den Anruf weg.

Eine Alltagserfahrung, die wir häufiger machen: Etwas Neues kommt auf uns zu, doch wir drücken die Möglichkeit einer Begegnung mit diesem Unbekannten weg, weil wir gerade keine Zeit oder keine Kraft haben, uns auf etwas Unbekanntes einzulassen. Vielleicht ist es mit den Ostererfahrungen, die die Frauen am Grab des Ostermorgens gemacht haben, ganz ähnlich. Ihnen begegnet der Auferstandene, doch sie schieben diese neuartige Erfahrung bei Seite und bleiben ganz lange beim Alten: Es ist der Gärtner, denken sie etwa, oder glauben den Worten des Engels nicht oder erkennen Jesus als Auferstandenen selbst nicht wieder. Die Evangelien berichten von ganz unterschiedlichen Ostererfahrungen, mit denen sich die Frauen und Männer damals schwer taten. Ostern jedoch eröffnet neue Horizonte, Das Alte wird so weit überschritten und überholt, dass es viel Offenheit braucht, diese Horizonterweiterung an sich heranzulassen. Dass erlebtes Leid, eine erlittene Niederlage oder das Gefühl gescheitert zu sein, sich so wandeln kann, dass sich neue Türen öffnen und wir mit neuer Energie von vorne beginnen, sind unerwartete Ostererfahrungen. Doch alles beginnt damit, dass wir unwegsame Gefühle, unbekannte Gedanken nicht einfach wegdrücken, sondern ihnen Raum geben, sich zu entfalten. So entstand damals der Glaube an die Auferstehung: Aus den Fragmenten der Vergangenheit entsteht eine neue Gewissheit. Gott zeigt sich mitten im Leben, ja sogar mitten im Tod. Die Choreographie des Lebens übersteigt sogar den Tod …

Ihr Uwe Habenicht