Andacht 01/2017

Fast perfekt

Komm, das schaffst du schon. Da geht noch mehr. Streng dich an. Das wird schon. 98 von 100. Was ist mit den restlichen zwei Punkten? Im Fußball warst du heute super, aber warum hast du den letzten Ball nicht mehr reingekriegt? Dein Aufsatz hat mir sehr gut gefallen, allerdings solltest du wirklich an deiner Schrift arbeiten. Das Bild ist dir gelungen, aber schau mal, die Perspektive stimmt nicht ganz. Perfekt sein zu wollen, ist eine weit verbreitete Sucht. Sich selbst gegenüber, aber auch im Umgang mit anderen und vor allem mit den eigenen Kindern. Auf der Jagd nach Perfektion, die wir in allen Bereichen erleben, beim Sport, in der Schule oder sogar in der Kunst, die ja eigentlich dafür bekannt ist, Regeln ausser Kraft zu setzen und das Ungewöhnliche zu zeigen, suchen wir nach Fehlern und Unvollständigem. Als wären wir mit einem fehlerfreien Leben dem Geheimnis des Lebens auf der Spur. Aber was ist das Gegenteil von Perfektion? Welchem Ideal sollten wir stattdessen folgen? Der Anfang eines neuen Jahres bietet Gelegenheit, sich über solche Fragen Gedanken zu machen. Neulich las ich den Buchtitel „Fast perfekt. Die Kunst hemmungslos zu scheitern.“ Mich hat das sehr angesprochen, da ich auch dazu neige, Leistungen nach ihrer Vollständigkeit zu messen. Doch wie hoch ist das Opfer an aufgewendeter Zeit und Energie, nur um am Ende volle Punktzahl zu haben. Was hätte man mit dieser aufgewendeten Zeit alles machen können? Ich habe das Buch nicht gelesen, doch allein der Klappentext hat mich angeregt, diese Sucht nach Perfektion zu hinterfragen. Was ist es, was uns dem Leben näher bringt? Das Gegenteil von Perfektion ist Ganzheit. Und ein ganzes Leben ist ein Leben, in dem es nicht darum geht, 100 Punkte zu kriegen, sondern in dem wir Dinge auch mal richtig in den Sand setzen können, ohne uns dabei schlecht zu fühlen. Zu einem ganzen Leben gehört es auch zu versagen und zu scheitern. Fehler und Irrtümer zu begehen und sie nicht als etwas Peinliches zu betrachten. „Ich schenke euch ein neues Herz und einen neuen Geist.“, heißt es in der Jahreslosung für 2017 (Ez). Ich wünsche mir, dass wir dieses Jahr nicht mit einer Messlatte beginnen, die wir an unsere Leistungen legen, um perfekte Resultate zu erzielen. Ich wünsche mir ein Herz und einen Geist, die beide mit Humor und Großzügigkeit auf uns und unsere Resultate schauen und Mut machen, Dinge auszuprobieren, auch wenn sie vielleicht zum Scheitern verurteilt sind. Denn so entsteht Ungeplantes und Unerwartetes, was unser Leben mehr bereichern kann als planmäßig erfüllte Vorgaben. Nehmen sie sich ein (neues) Herz und scheitern mal hemmungslos! Das fördert ganz gewiss die Kreativität und dabei entsteht Neues und Ungewöhnliches.

Ich wünsche Ihnen ein fast perfektes Jahr, Ihre Ulrike Hesse